Ein Gespräch mit Micha und Coco über digitale Fotografie, Bildbearbeitung und eingespielte Entscheidungen.
Einleitung
Das Gespräch beginnt nicht mit einer Frage.
Es beginnt mit einem Blick. Mit diesem kurzen Moment, in dem beide wissen, dass gleich etwas passiert. Der Kaffee steht schon eine Weile da, längst kalt. Die Kamera liegt griffbereit, aber unbeachtet. So wie immer, bevor sie doch wieder ins Spiel kommt.
Micha und Coco kennen sich lange genug, um sich nichts erklären zu müssen. Viele Entscheidungen fallen, bevor sie ausgesprochen werden. Ein leichtes Nicken. Eine hochgezogene Augenbraue. Ein Lächeln, das sagt: Ja. Genau das.
So entstehen Bilder. Und so entstehen Gespräche.
Wenn die beiden über digitale Fotografie und Bildbearbeitung sprechen, geht es nicht um Technik. Es geht um Vertrauen, um Timing und um dieses gemeinsame Wissen, wann man auslöst – und wann man besser lacht und das Bild ins berüchtigte „Ach-du-Scheiße“-Archiv wandern lässt. Nicht jedes Foto will gesehen werden. Manche sind nur dafür da, zu zeigen, dass man bereit war, es zu versuchen.
Was folgt, ist kein Interview im klassischen Sinn.
Es ist ein Dialog zwischen zwei Menschen, die denselben Raum teilen – im Shooting wie im Denken. Ein Gespräch über Bilder, die gemacht werden. Über Entscheidungen, die man trifft. Und über die Freiheit, auch mal daneben zu liegen und genau darüber zu grinsen.
Frage: Digitale Fotografie ist heute Standard. Bildbearbeitung aber immer noch ein Thema, über das erstaunlich leidenschaftlich gestritten wird. Warum eigentlich?
Micha: Weil viele gern glauben, gute Bilder würden einfach passieren. Möglichst zufällig. Möglichst ohne Eingriff.
(eine Augenbraue geht hoch)
Coco: Am besten mit dem Zusatz: „Ich hab da gar nichts gemacht.“
(lacht)
Micha: Ja. Fotografische Unschuld. Sehr beliebt. Sehr unrealistisch.
Coco: Ich glaube, viele wollen einfach nicht verantwortlich sein für das, was sie sehen. Ein Bild soll „echt“ sein, damit man sich nicht fragen muss, warum es wirkt.
(grinsender Mundwinkel)
Dabei wäre genau das ja der spannende Teil.
Frage: Wann beginnt für euch Bildbearbeitung?
Micha: Vor dem Auslösen.
Coco: Natürlich.
(lacht, fast automatisch)
Ich weiß meistens schon, bevor du die Kamera hebst, welches Bild du suchst.
Micha: Und ich weiß ziemlich genau, wann du gleich minimal zögerst. Oder den Blick noch eine Spur zu lange hältst.
Coco: Was dann meistens der Moment ist, in dem du auslöst.
Micha: Weil ich weiß, dass du ihn sonst wieder „sauber“ machen würdest.
(beide grinsen)
Coco: Das ist dieses eingespielte Ding. Ich denke im Shooting nicht darüber nach, wie ich aussehe. Ich weiß, dass du siehst, was du sehen willst. Und das reicht.
Frage: Und wenn das nicht reicht?
Coco: Dann entsteht ein Bild fürs Archiv.
(lacht laut)
Micha: Für das Archiv.
Coco: Das „Ach-du-Scheiße“-Archiv.
(beide lachen)
Micha: Sehr exklusiv. Sehr langlebig. Und ausschließlich für unsere persönliche Belustigung gedacht.
Coco: Da liegen Bilder drin, die wir schon während des Auslösens bereuen.
(zieht eine Augenbraue hoch)
Und genau deshalb trotzdem machen.
Frage: Habt ihr ein Beispiel?
Micha: Oh ja.
Ein Shooting draußen, kalt, Wind. Eigentlich ein ruhiges Set. Coco dreht sich minimal, der Wind macht etwas Eigenes, ich drücke ab – und wir schauen uns beide gleichzeitig das Display an.
Coco: Und sagen synchron:
„Nein.“
(lacht)
Micha: Das Bild war technisch völlig okay. Licht, Schärfe, alles da. Aber die Kombination aus Bewegung, Körperspannung und Timing war… sagen wir: ambitioniert.
Coco: Ich sah aus, als hätte ich gerade eine sehr existenzielle Entscheidung getroffen. Und keine gute.
(lacht wieder)
Micha: Archiv.
Frage: Coco, wie fühlt sich Bildbearbeitung für dich an, wenn du das fertige Bild siehst?
Coco: Wie ein Blick von außen, den ich mir selbst nie geben würde.
Im Shooting bin ich Körper, Bewegung, Situation. Dann dieses kleine Vorschaubild auf der Kamera, das oft noch gar nichts sagt. Und irgendwann sehe ich das fertige Bild.
(kurze Pause, dann ein Lächeln)
Und dann weiß ich meistens sofort: Ja. Genau das war gemeint.
Micha: Und wenn sie lacht, weiß ich: Das Bild darf bleiben.
Coco: Oder ich weiß: Das kommt nicht ins Archiv.
(grinst)
Frage: Authentizität ist ein Begriff, der in diesem Zusammenhang oft fällt.
Micha: Authentizität wird gern eingefordert, wenn jemand Angst vor Interpretation hat. Ein Bild ist nie objektiv. Nie. Schon der Ausschnitt ist eine Entscheidung.
Coco: Ich erkenne mich nicht an Poren oder Falten. Ich erkenne mich an Stimmung. Und die kann ein Bild treffen – oder komplett verfehlen. Unabhängig davon, wie viel daran gemacht wurde.
Frage: „Out of Camera“ gilt vielen als Qualitätsmerkmal.
Micha: Erstmal: Ja, es gibt auch auf shi-vas Out-of-Cam-Fotos.
(Pause, wissender Blick)
Nein, nicht direkt vom Speicherchip ins Internet. Natürlich gibt es eine Farbkorrektur. Alles andere wäre Unsinn.
Für mich heißt Out of Camera: nur rudimentär an den Pixeln schubsen. Keine große Retusche. Kein Umbau. Das Bild steht im Kern so, wie es fotografiert wurde.
Coco: Für mich heißt es: Ich erkenne mich wieder. Nicht optimiert, nicht neu gebaut. Einfach klar.
Micha: Was mich nervt, ist dieser moralische Unterton. Als wäre weniger Bearbeitung automatisch ehrlicher.
Coco: Dabei hat die Kamera längst Entscheidungen getroffen.
Micha: Sehr viele sogar. Aber über die redet kaum jemand.
Frage: Gerade im Fetish-Bereich wird Bildbearbeitung oft kritisch gesehen.
Coco: Was ich immer etwas lustig finde, weil Fetish nun wirklich nichts mit Zufall zu tun hat.
(lacht)
Alles ist gestaltet. Licht, Körper, Blick, Situation. Und dann so zu tun, als müsse man bei der Bearbeitung plötzlich brav sein, ist… interessant.
Micha: Das ist wie eine Bühne bauen und dann behaupten, der Vorhang sei unnatürlich.
Frage: Gibt es klare Grenzen?
Micha: Ja. Wenn das Bild seine innere Logik verliert.
Coco: Oder wenn ich mich im Bild nicht mehr ernst genommen fühle.
Micha: Und genau deshalb funktioniert das hier. Weil wir das beide wissen, bevor es passiert.
Coco: Und weil ich jederzeit sagen kann: „Nee. Das nicht.“
Micha: Und ich das dann auch lasse.
(beide nicken, fast gleichzeitig)
Frage: Für wen entstehen diese Bilder?
Micha: Für das Bild.
Coco: Natürlich sagst du das.
(lächelt vertraut)
Aber ja. Wenn es für dich funktioniert und für mich auch, ist alles andere egal.
Micha: Dann darf es raus.
Coco: Oder wandert ins Archiv.
Micha: Das andere.
Coco: Genau das.
(beide lachen)
Frage: Ein letzter Gedanke zur digitalen Fotografie?
Micha: Digitale Fotografie hat nichts zerstört.
Sie hat nur sichtbar gemacht, dass Bilder immer gemacht werden.
Coco: Und dass Vertrauen keine Option ist, sondern Voraussetzung.
Micha: Sonst sieht man es dem Bild an.
Coco: Und uns auch.
(hochgezogene Augenbraue, grinsender Mundwinkel)
Digitale Fotografie ist kein Trick.
Sie ist ehrlich genug, Fehler mitzunehmen – und sie notfalls gemeinsam ins Archiv zu legen.