Ich erkläre meine Bilder nicht.
Ich verantworte sie.

Warum Fotografie mehr mit Entscheidungen als mit Technik zu tun hat.

Einleitung

Das Interview findet nicht in einem Studio statt. Kein Scheinwerferlicht, kein Setup, keine Inszenierung.
Wir sitzen an einem Tisch, irgendwo zwischen Alltag und Projekt. Kaffee steht bereit, der zweite ist bereits halb leer. Die Kamera bleibt ausnahmsweise liegen. Keine Uhr, kein Zeitdruck. Eher dieses Gefühl, dass man noch einen Moment bleibt, obwohl man eigentlich schon fertig sein könnte.

Die Atmosphäre ist ruhig. Entspannt. So, wie Gespräche verlaufen, wenn niemand etwas verkaufen will.
Micha sitzt nicht geschniegelt da, sondern so, wie man ihn aus den Shootings kennt: aufmerksam, reflektiert, mit diesem Blick, der schon ein Bild sieht, bevor jemand anderes überhaupt merkt, dass es eines geben könnte.


Interview

Frage: Normalerweise stehst du hinter der Kamera. Warum jetzt ein Interview über dich?

Micha: Weil es offenbar nicht mehr reicht, einfach nur Bilder zu machen. Irgendwann wollen Menschen wissen, wer dafür verantwortlich ist.
Fotografie wird gerne als etwas Mystisches verkauft, dabei ist sie vor allem eine Abfolge von Entscheidungen. Perspektive, Nähe, Auswahl, Schnitt, Bearbeitung, Veröffentlichung. Nichts davon passiert zufällig.

Dieses Interview ist kein Bedürfnis nach Rampenlicht, sondern der Versuch, diese Entscheidungen sichtbar zu machen. Wer sich mit den Bildern beschäftigt, darf auch wissen, wer sie verbrochen hat. Und keine Sorge: Das wird kein Selbsthilfe-Podcast.

Frage: Wie ist shi-vas eigentlich entstanden?

Micha: Aus einer ganz klassischen Kontroverse.
Seit 2012 gibt es ein weiteres Projekt von mir: camika!ze. Das war ursprünglich reine Fashion-Fotografie. Zwei Models, ein Fotograf, alles Hobby. Über die Jahre entwickelte sich die Bildsprache weiter, wurde freier, körperlicher, teilweise auch fetischistischer.

Irgendwann stand dann diese Frage im Raum, die niemand so richtig aussprechen wollte: Ist das noch Fashion oder reden wir uns das nur schön?
Anstatt diese Frage totzudiskutieren, habe ich den expliziteren Teil in ein eigenes Projekt ausgelagert. So entstand shi-vas. Nicht aus Trotz. Sondern aus dem Wunsch heraus, Dinge nicht ständig erklären zu müssen.

Frage: Also hier Fetish, dort Fashion?

Micha: Wenn es so einfach wäre, hätte ich deutlich weniger Diskussionsbedarf gehabt.
Die Schwerpunkte sind unterschiedlich, aber die Grenzen fließend. Es gibt Shootings, die in beiden Projekten veröffentlicht wurden und werden. Der Unterschied liegt weniger im Outfit als in der Freiheit der Bildsprache. shi-vas erlaubt mir, direkter zu sein, ohne bei jedem Bild einen erklärenden Beipackzettel mitzuliefern.

Frage: Welche Rolle nimmst du bei einem Shooting ein?

Micha: Ich bin nicht der stille Mann mit der Kamera.
Ich steuere, beobachte, lenke, bremse und beschleunige. Manchmal sehr präsent, manchmal bewusst zurückhaltend. Wer einen Fotografen sucht, der nur den Auslöser drückt und ansonsten schweigt, wird bei mir eher unglücklich.

Ich übernehme Verantwortung. Für das Model, für die Situation und für das Bild. Das macht ein Shooting nicht immer einfacher, aber meistens ehrlicher. Und langfristig entspannter. Auch wenn man das in dem Moment nicht immer so empfindet.

Frage: Wann ist ein Bild für dich gelungen?

Micha: Ich sehe es.
Ein gelungenes Foto erhebt für mich keinen Anspruch auf technische Perfektion. Technik ist Werkzeug, kein Qualitätsmerkmal. Ich weiß in dem Moment, in dem ich ein Bild sehe, ob es funktioniert oder nicht. Und ich weiß auch sofort, ob sich eine Bearbeitung lohnt oder ob man es besser freundlich verabschiedet.

In der heutigen Zeit geht ohnehin kein Bild mehr unbearbeitet über den Tisch. Die Idee vom „reinen“ Foto ist romantisch, aber realitätsfern. Für mich beginnt ein Shooting im Kopf. Ich habe zu Beginn bereits ein fertiges Bild oder sogar eine ganze Serie vor Augen. Ich weiß, welches Ausgangsmaterial ich dafür brauche. Wie ich das technisch erreiche, ist zunächst zweitrangig.

Ein Foto ist gelungen, wenn es eine eigene Dynamik entwickelt. Durch Farben, Perspektiven, Details, Stimmungen. Alles ist erlaubt, außer Technik als Selbstzweck.
Technisch perfekte Bilder sind oft nur eines: austauschbar. Meine Bilder sind das nicht. Sie sollen Charakter haben, nicht Zertifikate.

Was der Betrachter davon hält, ist mir dabei ehrlich gesagt egal. Ein Bild muss für mich funktionieren. Und wenn es vielleicht auch noch für das Model funktioniert, ist das ein schöner Bonus.

Frage: Was muss ein Model mitbringen, um mit dir zu arbeiten?

Micha: Selbstkenntnis. Und Mut.
Ein Model sollte wissen, wo die eigenen Grenzen liegen. Gleichzeitig erwarte ich, dass diese Grenze nicht als Betonwand verstanden wird. Wer mit festen Regeln kommt wie „nur Minirock ab exakt dieser Länge“, „nur mit BH“ oder „Dessous grundsätzlich nicht“, der ist bei mir schlicht falsch. Nicht, weil diese Grenzen falsch wären, sondern weil sie einem organischen Shooting im Weg stehen.

Ein Shooting entwickelt sich bei mir aus dem Shooting heraus. Wir starten vielleicht mit Jeans, und plötzlich entsteht ein Bild, bei dem die Jeans halb geöffnet ist und man den Slip sieht. Oder wir shooten draußen, es ist kühl, und natürlich zeichnet sich das ab. Das ist keine Grenzüberschreitung. Das ist Realität. Und manchmal auch einfach Physik.

Frage: Wie stellst du sicher, dass das nicht in Druck ausartet?

Micha: Durch Kommunikation. Und Kaffee.
Ich setze mich vor einem Shooting fast immer mit dem Model zusammen. Wir reden. Über Gott und die Welt, über Outfits, über mögliche Sets. In diesem Gespräch entsteht Vertrautheit. Das Model weiß, welche Bilder ich im Kopf habe. Und ich lerne, wo seine Grenze liegt und wie weit ich gehen darf.

Gerade bei Teilakt-, Akt-, Fetish- oder Bondage-Shootings ist dieses gegenseitige Vertrauen nicht optional. Fashion kann man auch mit Distanz machen. Alles darüber hinaus nicht.
Ich muss mich darauf verlassen können, dass ein Model jederzeit sagt: „Stopp.“ Und das Model muss wissen, dass dieses Stopp nicht diskutiert wird. Kein Überreden. Kein Nachverhandeln. Punkt.

Frage: Warum arbeitest du so häufig im Bereich Fetish und expliziter Erotik?

Micha: Weil dort Ehrlichkeit herrscht.
Fetish ist konkret. Direkt. Man muss sich nicht hinter Andeutungen oder ästhetischen Ausreden verstecken. Explizit heißt nicht plump. Es heißt nur, dass man aufhört, so zu tun, als wäre man jemand anderes.

Frage: Wo ziehst du persönlich die Grenze?

Micha: Dort, wo ein Bild seine Würde verliert.
Nicht moralisch, sondern menschlich. Wenn ein Bild nur noch provozieren will oder den Menschen dahinter vergisst, verliere ich das Interesse. Laut sein ist einfach. Substanz nicht.

Frage: shi-vas wirkt sehr professionell. Ist das ein kommerzielles Projekt?

Micha: Nein. Und das ist Absicht.
shi-vas ist ein reines Hobbyprojekt. Die Einnahmen aus Pay-Inhalten decken nur einen kleinen Teil der Kosten. Outfits, Studio-Equipment, Verschleiß, Reparaturen, Webserver. Das Projekt kostet Geld. Und ja, ich zahle drauf.

Der Vorteil: Ich habe keine wirtschaftlichen Zwänge. Ich muss niemandem gefallen. Außer mir selbst. Und vielleicht noch dem Model. Das reicht völlig.

Frage: Was wird an deiner Arbeit häufig missverstanden?

Micha: Dass es um Eskalation geht.
Dabei geht es mir um Kontrolle, Reduktion und bewusste Gestaltung. Viele sehen Haut und denken an Grenzüberschreitung. Ich sehe Bildaufbau, Spannung, Blickführung. Wer nur den Inhalt sieht, hat das Bild eigentlich schon verpasst.

Frage: Was hält dich an diesem Projekt?

Micha: Die Freiheit.
Solange ich entscheiden kann, wie etwas gezeigt wird, ohne mich verbiegen zu müssen, mache ich weiter. Wenn das nicht mehr möglich ist, höre ich auf. Ganz unspektakulär. Ohne Abschiedstour.

Frage: Ein letzter Satz?

Micha: Es entstehen Bilder.
Wer darin mehr erkennt als Oberfläche, ist eingeladen zu bleiben. Der Rest darf gerne weiterziehen. Das hält es angenehm übersichtlich.